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ZU DEN BILDERN VON BETTINA GELHARD - REEH

Bettina Gelhard - Reeh ist eine Künstlerin, die sich ähnlich wie der große italienische Maler Morandi, auf eine besondere Form der Malerei konzentriert hat: das Stilleben. Diese Wahl ist nicht durch Äußerlichkeiten bewirkt worden, sondern Ausdruck der Konsequenz, mit der die Künstlerin ihren Weg verfolgt. Schon der deutsche Name für diese Gattung weist auf die paradoxe Einheit der Gegensätze hin, die für diese Künstlerin so bezeichnend ist. Das Leben in der Stille, die Bewegung in der Ruhe  das alles ist in diesen Arbeiten gegenwärtig. Die Krüge und Kannen erscheinen zugleich statuarisch streng und auf eigentümliche Weise belebt. Das Ganze wirkt zeitentrückt und trifft doch auf eine hintergwündige Weise den Nerv unserer Zeit. Wenn man es auch auf den ersten Blick nicht glauben mag: es gibt kaum etwas, das die Kunst unserer Zeit so prägt wie die Stille. Alle Kämpfe scheinen ausgekämpft, es wird kaum mehr gestritten, weil die extremen Möglichkeiten in der Kunst schon alle ausgeschöpft zu sein scheinen. Daß dennoch Hektik, den Kunstbetrieb beherrscht, hängt damit zusammen, daß diese Stille allgemein als Stillstand empfunden wird. Der Stillstand wird häufig dadurch bekämpft. daß man die heroischen Zeiten der Avantgarde mit ihrer zukunftsorientierten Dynamik in der Kunst heraufzubeschwören versucht. Doch solcher Zitatkunst fehlt nichts so sehr wie das Leben, und  dadurch ist sie in besonderem Maße Ausdruck des Stillstands, den sie zu überwinden sucht.

Bettina Gelhard - Reeh geht da einen völlig anderen Weg. Sie wehrt sich nicht gegen die Stille sondern nimmt sie an, und dadurch entdeckt sie das geheime Leben im offenkundigen Stillstand. In der Stille ist der Kampf der Gegensätze zur Ruhe gekommen, und dadurch kann sich erst zeigen, wie diese Gegensätze aufeinander bezogen sind. Sie erscheinen in diesen Ölbildern, Ölkreide - oder Mischtechnik - Arbeiten wie Pol und und Gegenpopl, aus deren Berührung ein lebendiger Funke springt, der die Stille insgeheim glühen und vibrieren läßt. Was sich hier so lebendig berührt. sind die entgegengesetzten Möglichkeiten der modernen Malerei überhaupt. Da wäre einerseits die Tradition der französischen Moderne von den Impressionisten über Cezanne bis zu den Fauves, die in Bettina Gelhard Reehs Arbeiten sehr präsent ist. Diese Tradition ist von der Erfahrung geprägt, daß das menschliche Auge die einzelnen Farben nicht isoliert ansieht, sondern ein Beziehungsgeflecht von Farben wahrnimmt. Immer, wenn wir lange und intensiv auf eine Farbe gesehen haben, erscheint vor unserem inneren Auge ihr komplementäres Nachbild. So sehen wir etwa bei geschlossenem Auge grün, wenn wir lange genug einen roten Gegenstand betrachtet haben. Dies weist darauf hin. wie unser Sehvorgang von einer polaren Gegensatzspannung geprägt ist und durch sie geordnet wird.

Um dies in der Kunst sichtbar zu machen, haben die Maler der französischen Moderne die Farben auf der Fläche klar gegenübergestellt. Die Raumtiefe mußte zurücktreten, weil die Einordnung der Farben in einen Vorder, Hinter- oder Mittelgrund von diesem Beziehungsnetz der Farben und Formen auf der Fläche abgelenkt hätte. Auch bei Bettina Gelhard  Reeh finden sich wie in der klassischen französischen Moderne klare Gegenüberstellungen von Komplementärfarben; wenn sie etwa eine rote Fläche gestaltet, wird bei ihr zumindest ein grüner Streifen kaum fehlen. Ebenso finden wir bei dieser Künstlerin eine genaue und sensible Farbmodulation, die die komplementäre Spannung zwischen den Farben überbrückt.

Doch auf der anderen Seite unterscheiden sich Bettina Gelhards Arbeiten von klassisch  modernen Bildern dadurch, daß in ihnen auch die andere Seite der Moderne integriert ist, die von Turner zu den Informellen führt. Diese Seite wird dadurch gekennzeichnet, daß sie nicht vom Nebeneinander, sondern vom Ineinander und Übereinander der Farben geprägt ist. Sie betont gerade das, was die klassische Moderne bewußt ausgeklammert hat: das Eingebettetsein der endlichen Farben in einen unendlichen, transparenten Raum. Der Maler Philipp Otto Runge hat in seinem berühmten Brief an Goethe, den dieser in seine Farbenlehre aufnahm, auf diesen qualitativen Unterschied zwischen durchsichtigen und undurchsichtigen Farben aufmerksam gemacht. Nun ist die Tafelmalerei im Gegensatz etwa zur Glasmalerei  an undurchsichtige Mittel gebunden, sowohl in den Farben als auch im Malgrund. Dennoch gehört es zur Eigenart dieser Kunstform, daß bestimmte Farbzusammenstellungen mit innerer Logik die Illusion unendlicher, transparenter Räume erwecken. Bei starken Kalt – Warm  Kontrasten innerhalb einer Farbe, bei Farben, die ineinander übergehen oder übereinander gelagert sind, erhält der Betrachter regelmäßig den Eindruck, daß sich Farbräume bis ins Unendliche öffnen, die keineswegs ein Abbild realer Räume sein müssen. Sehen wir uns nun die Bilder von Bettina Gelhard Reeh genau an, so die Subtilität, mit der sie auch diese Stilmittel beherrscht: Die Farben sind auf vielschichtige Weise übereinander gelagert und durch eindringliche Kalt – Warm Kontraste gekennzeichnet. Wie vereint nun die Künstlerin dies mit der Orientierung an der französischen Moderne?

Es ist erstaunlich. wie die Künstlerin eine ganz besondere Bildarchitektur entwickelt, um die starken malerischen Gegensätze in ihrem Werk so miteinander zu versöhnen, daß sie als Einheit erscheinen. Bettina Gelhard - Reeh baut oft die Bilder aus einzelnen rechteckigen Segmenten auf, die exakt voneinander abgegrenzt sind. Dadurch verhindert sie, daß die einzelnen Farben in einem unendlichen Raum ineinander fließen und die polaren Gegensätze auf der Fläche verwischt werden. Pol und Gegenpol im Beziehungsgeflecht der Farben bleiben deutlich sichtbar, und die an Bausteine erinnernden Bildsegmente geben der Fläche die Kompaktheit und Schwere einer realen Mauer. Doch diese Mauer erscheint zugleich transparent, geradezu immateriell. So zeigt sich auch hier die besondere Kraft der Künstlerin, den Gegensätzen ihre Ausschließlichkeit zu nehmen. Schwere und Schwerelosigkeit, Kompaktheit und Durchsichtigkeit schließen sich ebensowenig aus wie die beiden Traditionen der modernen Malerei, die in diesen Bildern gleichermaßen fortgeführt werden. Durch die Berührung all dieser gegensätzlichen Pole lebt die Stille in diesen Stilleben. was sich in dem vieldeutigen Schimmern, dem vibrierenden Leuchten all dieser Arbeiten zeigt, durch das sie ihre starke Ausstrahlung erha1ten.

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